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Die Grundlage: Teilhards EntwicklungstheorieDer französische Naturforscher und Theologe Pierre Teilhard de Chardin schrieb 1927: „Im Grunde wollte ich nicht so sehr eine Theorie, ein System, eine Weltanschauung verbreiten, sondern eine bestimmte Lust, eine bestimmte Wahrnehmung der Schönheit, des Pathetischen, der Einheit des Seins.“ Er versuchte, seine Ergriffenheit von der Harmonie des Universums, seine Vision einer verheissungsvollen Zukunft zu vermitteln. Und doch bilden seine während 40 Jahren Forschertätigkeit gesammelten Erkenntnisse eine in sich stimmige, denk-würdige Gesamtschau. Die folgenden Thesen sind zusammengestellt aus Teilhards Sammelband „Die Zukunft des Menschen“ und aus dem Kapitel „Menschheit wohin? – Handlungsimpulse für Politikerinnen und Politiker“ von Pia Gyger (Ethik 2006, Verlag NZZ). A. Biologische Entwicklungsprinzipien1. Streben nach ‚Mehr-Sein‘Durch die ganze Erdgeschichte zieht sich ein kontinuierliches Streben nach ‚Mehr-Sein‘, gemäss der Formel: je komplexer, desto zentrierter, desto beseelter, desto bewusster. Die Beseelung und das Bewusstsein kommen nicht irgendwann von aussen in die Materie, sondern sind schon in jedem Elementarteilchen im Keim angelegt. Auf diesem Prinzip basiert die ganze Evolution. 2. Ausdehnung und VerdichtungIn der Erdgeschichte wiederholen sich Phasen der Ausdehnung oder Expansion und der Verdichtung oder Kompression. Diese betreffen immer grösserer Einheiten (Wasserstoffatom < Periodensystem > Wassermolekül < Riesenmoleküle > Einzeller < Mehrzeller). Expandieren bedeutet auch Differenzieren, und Komprimieren heisst Konvergieren (Zusammenstreben). 3. Vereinigung durch VerdichtungAm Ende einer Verdichtungsphase ist stets das gleiche Prinzip wirksam: Die Elemente vereinigen sich zu einem grösseren Ganzen. Jede neue Vereinigung bedeutet eine komplexere Anordnung der Materie, eine neue Gestalt und ein Mehr an Bewusstsein. 4. Entstehung neuer SeinsstufenDurch Vereinigung entsteht eine neue Gestalt, eine Synthese. Das emergierende Neue ist aus früheren Gestalten und Zuständen nicht ableitbar, nicht voraussehbar und nicht manipulierbar. Emergenz ist ein schöpferisches Geschehen. 5. Zusammenwirken von TeilenDas Zusammenwirken der Teile eines Ganzen bewirkt Synergie. Jedes Element eines Systems übernimmt seine eigenen Aufgaben. Diese Aufgaben sind so angelegt, dass sie Wachstum und Gesundheit des Gesamtorganismus unterstützen. Auf allen Stufen der Evolution übernehmen die Elemente eines Organismus bei jeder höheren Synthese entsprechende Aufgaben nach einem inneren ‚Plan‘ (Beispiel Bienenvolk). 6. Ordnung durch zentrale SteuerungDie Zentriertheit der Organismen nimmt im Laufe der Evolution zu (Zentrogenese). Je komplexer ein Organismus, desto wichtiger ist eine zentrale Steuerung. Bei den höheren Lebewesen wird diese Funktion von einem zentralen Nervensystem wahrgenommen. 7. Entwicklung durch VerwandlungVon einem bestimmten kritischen Punkt an kann ein Organismus nicht mehr wachsen oder sich weiter entwickeln, ohne sich zu wandeln. Das ist das evolutive Gesetz der Metamorphose (Beispiel Raupe-Puppe-Schmetterling). B. Psychosoziale EntwicklungEinige evolutive Prinzipien kommen erst mit dem Erscheinen des Menschen zum Vorschein. 8. Individuelle ReflexionsfähigkeitMit dem menschlichen Nervensystem und Gehirn erreicht die Komplexität der Materie ihren vorläufigen Höhepunkt. Sie ermöglicht ein Bewusstsein, das sich selber reflektieren kann, also ein Selbstbewusstsein. 9. Die Evolution geht weiterPhysisch scheint die Evolution mit dem homo sapiens abgeschlossen zu sein. Aber sie geht auf einer anderen Ebene weiter, nämlich auf der psychisch-geistigen und sozio-kulturellen des Menschen. 10. Das Entstehen eines globalen BewusstseinsfeldesWährend einer längeren Expansionsperiode besiedelt der Mensch sämtliche Kontinente und Landstriche, selbst die unwirtlichsten. So entsteht allmählich, zusätzlich zur Biosphäre, eine ‚Geistsphäre‘, ein Bewusstseinsfeld rund um die Erde (Teilhard: Noosphäre). 11. Das Ansteigen der psychischen TemperaturDurch die ständige Zunahme der Weltbevölkerung (gegenwärtig 80 Millionen jährlich) wird es wegen der gekrümmten, nicht ausdehnbaren Erdoberfläche immer enger auf der Erde. Es kommt zu einer neuen Art Verdichtung, diesmal der Menschen untereinander. Dadurch erhöht sich die ‚psychische Temperatur‘ der Menschheit. Das führt zu grossen Spannungen und Konflikten. 12. Der Sinn fürs GanzeDie ungemütliche Situation unserer Tage ist ein notwendiges Durchgangsstadium, denn auch hier gilt die Formel: je komplexer, desto bewusster. Durch die Verdichtung verstärkt sich das globale Bewusstseinsfeld. Die Menschen werden einsichtiger, erkennen grössere Zusammenhänge. So wird ihnen – auch dank der Erkenntnisse der modernen Wissenschaft – allmählich bewusst, dass im Universum alles mit allem zusammenhängt und dass die Zukunft offen und gestaltbar ist. 13. Die Menschheit, ein werdender OrganismusDie Menschheit kann nur überleben, wenn sie sich als ganzheitlichen Organismus versteht und sich entsprechend organisiert. Das muss aber freiwillig und aus einem Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Solidarität heraus geschehen. Jeder von aussen aufgezwungene Sozialisierungsversuch ist zum vornherein zum Scheitern verurteilt. 14. Das steuernde ZentrumDer Organismus Menschheit benötigt ein Zentrum, das fähig ist, die Gesamtziele von Entwicklungsstufe zu Entwicklungsstufe je neu herauszuarbeiten und zu verwirklichen. C. Selbstverwirklichung / Spirituelle EntwicklungFür Teilhard ist die Evolution mit der geeinten Menschheit nicht zu Ende. 15. Sinn und Ziel der EvolutionAus der Tatsache, dass alles Seiende und insbesondere der Mensch auf stetes ‚Mehr-Sein‘ ausgelegt ist, lässt sich folgern, dass die ganze Evolution inklusive Menschheitsentwicklung sinnvoll, unumkehrbar und unvergänglich ist und ausserdem ein Ziel hat. 16. Gemeinsames GanzwerdenNur das Bemühen um ein gemeinsames Ganzwerden führt weiter. Der einzelne Mensch wird nicht untergehen in diesem Ganzen, sondern darin aufgehoben sein. Er wird aber nicht damit verschmelzen, sondern sich darin sogar weiter differenzieren und spezialisieren. Verschiedenheit macht schöpferische Kraft frei. 17. Konvergente MenschheitsentwicklungDie Menschheit strebt einem konvergenten Zielpunkt (Omega) zu. Das heisst, eine Triebkraft von unten und eine Anziehungskraft von oben führen die Menschheit in einem sich verjüngenden Spiralengang auf ein höchstes Zentrum hin zu ihrer Vollendung. 18. Ein personhaftes Über-MenschlichesDer Mensch vermag sich nur einem Grösseren als er selbst hinzugeben, also einem Über Menschlichen. Dieses Grössere kann nicht eine unpersönliche Organisation sein. Sie muss ein personhaftes Wesen sein, ausgestattet mit einem höheren, über-menschlichen Bewusstsein. 19. Das personhafte Übermenschliche ist GottReligiöse Menschen nennen dieses über-menschliche, personhafte Wesen Gott. Es offenbart sich ihnen, und so können sie zu ihm eine Beziehung aufbauen. Für Christen ist dies der kosmische Christus als Kraftquelle und Anziehungskraft. 20. Vollendung durch VerwandlungIndem der religiöse Mensch aus der Kraft Gottes lebt und sein Leben danach ausrichtet, findet er zu einer neuen Form tiefer Solidarität, zu wahrer Nächstenliebe. Dabei vermindern sich seine egozentrischen Bedürfnisse allmählich. Das ist zwar ein mühevoller, schmerzhafter Prozess, aber so kann er sich – in christlicher Terminologie ausgedrückt – immer mehr dem mystischen Leib Christi eingliedern. Durch diese Vereinigung wird er vollendet, denn im Verlauf dieses Prozesses verwandelt sich (transformiert, transfiguriert) sein ganzes Wesen. 21. Das Ende dieser WeltJe mehr ‚verwandelte‘ Menschen sich im über-menschlichen, göttlichen Brennpunkt vereinigen, desto stärker wird seine Anziehungskraft, bis in einem psycho-logischen Moment ein gewaltiger Impuls alle Menschen guten Willens erfasst (die Wiederkunft Christi) und sie als Ganzes in eine andere kosmische Dimension führt. Fazit: Zwei Ansichten desselben ProzessesNach Teilhard sind naturwissenschaftliche Entwicklungstheorie und christliche Heilslehre zwei verschiedene Ansichten desselben Prozesses. Teilhards Entwicklungstheorie ist weder vollständig noch wissenschaftlich erhärtet. So ist zum Beispiel das Zusammenspiel zwischen Komplexität und Bewusstsein nicht hinreichend geklärt. Wie und wann entsteht das Bewusstsein und das Personhafte? Was bedeutet ‚Schöpfung‘, was ‚Emergenz‘? Generell liegen die Wirkprinzipien beim Auftreten neuer, komplexerer Formen im Verlauf der Evolution noch im Dunkeln. |

